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Detlef Ballin und Enesa Aumüller (Vorstand Altstadtförderverein) im Gespräch

Detlef „Deff“ Ballin von Geier Sturzflug zu Gast beim Altstadtförderverein

am 08.01.2019

Geier Sturzflug-Musiker erzählte aus seinem turbulenten Leben

Wächtersbach. Er ist es gewohnt, als „der Keyboarder von Geier Sturzflug“ vorgestellt zu werden. Vor 35 Jahren schwamm er mit dieser Band auf der Welle des Erfolgs. Mit der Single „Bruttosozialprodukt“ führten sie damals viele Wochen lang die Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Die Goldenen Schallplatten, die ihnen ihre Plattenfirma „Ariola“ dafür verlieh, zieren heute noch Detlef „Deff“ Ballins Unterrichtsraum in der Musikschule Ballin, die er und seine Ehefrau Julia Ballin im Mittbachweg in Wächtersbach betreiben. Dass er nicht nur „der Keyboarder von Geier Sturzflug“ war, sondern ein vielseitiger Musiker, ein Künstler durch und durch und interessanter Mensch ist, bewies Detlef Ballin beim offenen Stammtisch des Altstadtfördervereins Wächtersbach im Altstadtcafé, bei dem er diesmal der erzählende „Charakterkopf“ war.

1954 wurde er in Bochum geboren, wohin seine Eltern aus Leipzig geflohen waren, wie Ballin schilderte. Das sei eine richtige Arbeiterstadt gewesen, in der, abgesehen vom Schauspielhaus, kulturell nicht viel los gewesen sei. Als er fünf Jahre alt war, habe sich seine Mutter ein Klavier gekauft, und er als er sechs Jahre alt war, nahm er selbst darauf Unterricht. Daneben, so erinnert er sich, sei er in Sportvereinen aktiv gewesen. Später lernte er jemanden kennen, der immer eine Gitarre dabei hatte. Sie machten Musik im Park, auf allem, was sich als Musikinstrument eignete. So kam er auch zu seiner Philosophie, die er so umschrieb: „Musik machen heißt, dass man sich mit anderen trifft und das auslebt.“

Mitte der 60er Jahre, da kamen die Beatles und die Stones, „Wähle 3-3-3“ von Graham Bonney, das habe er immer wieder gehört. Aber die erste Single, die er sich kaufte, war „Mr. Tambourine Man“ der US-Folk-Rock-Band „The Byrds“. Aber er und seine Musikerkollegen von damals hätten nie etwas nachgespielt, sondern ihre Musik immer selbst gemacht, sie improvisierten und schrieben eigene Stücke. Den ersten öffentlichen Auftritt hatten sie in der Aula ihrer Realschule. „Es muss schrecklich gewesen sein, aber das Publikum hat uns gefeiert.“ Mit 16 Jahren bekam „Deff“ Ballin seine erste elektrische Orgel. Seine Eltern streckten ihm das Geld vor, die 1.750 Mark, die sie gekostet hatte, zahlte er ihnen nach und nach zurück. Mit 16, 17 Jahren spielten er bereits in mehreren Bochumer Bands, fast jeden Tag wurde geprobt.

Nach der Schule begann er in einem Bochumer Kaufhaus eine Lehre als Schauwerbegestalter, mit 20 Jahren kriegte er an der Musikhochschule Dortmund und spielte am Theater in Castrop-Rauxel Theater mit Livemusik. „Dann ging es Schlag auf Schlag.“ Mit diversen Bands trat „Deff“ Ballin in Bochumer Clubs auf. Mit der Band „Tibet“ nahm er 1975 seine erste Schallplatte auf, und mit „Brooklyn“ war er das erste Mal im Radio zu hören. Er gab zu dieser Zeit bereits selbst Unterricht und schrieb Noten auf. 1982 kam er in die Band „Geier Sturzflug“, deren Schlagzeuger er von Kindesbeinen an gekannt habe. Zwei Monate später hatten sie ihren ersten gemeinsamen Auftritt in Bochum. Außerhalb dieser Stadt sei diese Band, die als politisch linksstehend galt, gar nicht bekannt gewesen.

Das änderte sich schlagartig, als sie im Frühjahr 1983 „Bruttosozialprodukt“ an die Ariola nach München schickten. Dieses Lied war eigentlich aus dem Jahr 1977, als die „Geier“ Friedel Geratsch und Reinhard Baierle noch als Straßenmusikerduo „Dicke Lippe“ unterwegs waren. Peter Kent produzierte den Song mit ihnen in den Rainbow Studios in München, die Ariola verschickte die Single an alle möglichen Radiosender – und plötzlich waren sie überall auf Platz eins! Die Regeln von „Media Control“ griffen. Und das bedeutete nach Ballins Worten: „Es passierte folgendes: Wir mussten zu Dieter Thomas Heck in die Hitparade.“ Und da sie auch dort auf Platz eins gewählt wurden, hatten sie dort noch einen zweiten Auftritt. Davon zehrten sie, auch die Nachfolge-Single „Besuchen Sie Europa solange es noch steht“ und „Pure Lust am Leben“ landeten in den Hitparaden auf vorderen Plätzen. Die Jahre 1983 bis 1985 seien sehr anstregend gewesen, ständig seien sie unterwegs zu Auftritten gewesen, ein Privatleben habe es kaum noch gegeben. Immerhin hatte „Geier Sturzflug“ ein Repertoire von 50 bis 60 Songs.

Rückblickend betrachtet hält es „Deff“ Ballin für einen Fehler, dass sie nicht zwischendurch eine schöpferische Pause eingelegt haben, um zum Beispiel eine LP aufzunehmen. Nach diesen zwei, drei Jahren seien sie ausgepowert gewesen. „Aber keiner hat es bereut“. Schließlich hätten sie ihre GbR aufgelöst. Danach habe er sich erst einmal lange Zeit zurückgezogen, unter anderem nach Holland, wo er mit diversen Bands in Kneipen auftrat. Irgendwann habe er dann den US-amerikanischen Country-Rock-Sänger Scotty Riggins aus Schlüchtern kennengelernt und stieg in dessen Band ein. Außerdem hatte Ballin Engagements als Keyboarder in Musicals, zum Beispiel im „Starlight Express“ in Bochum. Die Gegend rund um Steinau hatte es ihm jedoch angetan, hier lernte er auch seine jetzige Ehefrau kennen, mit der er die besagte Musikschule betreibt. Beide treten auch zusammen auf und spielen unabhängig voneinander in verschiedenen Ensembles. Eine Leidenschaft ist „Deff“ Ballin aber seit der Zeit, als er als Jugendlicher in einem Bochumer Park spielte, geblieben: improvisierte Straßenmusik aus Spaß an der Freud‘.

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